Dein Hund kommt nicht zur Ruhe: Ursachen & Hilfe im Alltag
- Caro

- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Dein Hund wirkt dauerhaft unruhig, kommt schwer runter, ist schnell „drüber“, reagiert draußen stark oder schläft nur oberflächlich? Dann liegt das Problem häufig nicht an zu wenig Beschäftigung – sondern an Übererregung.
Viele Hunde sind nicht „unterfordert“, sondern überlastet: zu viele Reize, zu viele Erwartungen, zu viele Peaks im Alltag. In diesem Beitrag bekommst du einen klaren Fahrplan, wie du Stress reduzierst, echte Entspannung aufbaust und Auslastung so gestaltest, dass dein Hund zufrieden statt „aufgedreht“ ist.

Übererregung beim Hund: Das steckt wirklich dahinter
„Übererregung“ bedeutet: Das Nervensystem läuft im Alarmmodus. Der Hund ist schneller in Aktivität als in Entspannung. Das wirkt wie „zu viel Energie“, ist aber oft eine Mischung aus:
hoher Reizempfindlichkeit (Umwelt, Menschen, Hunde, Geräusche)
Stress im Alltag (auch positiver Stress)
unpassender Auslastung (viel Action, wenig Verarbeitung)
Frust (wollen, aber nicht dürfen / nicht verstehen)
fehlender Regeneration (zu wenig echter Tiefschlaf/Runterfahren)
manchmal auch körperlichen Faktoren (Schmerz, Hormone, Unwohlsein)
Wichtig: Ein Hund, der im System „hoch“ ist, kann nicht einfach auf Kommando runterfahren. Entspannung ist kein Trick – sie ist ein Zustand, den wir ermöglichen.
Typische Fehler: Warum „mehr machen“ oft alles schlimmer macht
Wenn ein Hund unruhig ist, machen viele instinktiv mehr: mehr Spaziergang, mehr Ball, mehr Training, mehr Beschäftigung. Klingt logisch – führt aber häufig in den Teufelskreis:
Hund ist unruhig
Mensch bietet mehr Action
Hund wird kurzfristig „müde“, aber langfristig noch schneller erregbar
Hund kann schlechter entspannen
Mensch macht noch mehr
Besonders problematisch sind Auslastungen, die stark aktivieren:
Ball werfen, Zerrspiele mit hohem Drive, hektische Rennspiele
Dauer-Training ohne Pausen
„Immer was anbieten“, sobald der Hund unruhig wird
Das ist nicht grundsätzlich „verboten“. Aber bei einem Hund, der ohnehin schlecht runterkommt, ist es oft wie Benzin ins Feuer.
Die häufigsten Auslöser: Was im Alltag wirklich hochfährt
Übererregung entsteht selten durch einen großen Faktor – sondern durch viele kleine Reize, die sich summieren:
1) Zu viele Erregungsspitzen am Tag
Türklingel, Besuch, Autofahren, Hundebegegnungen, Spiel, Kinder, Stadt, Training, Fütterungszeiten – alles kann Peaks erzeugen.
2) Frust & Konflikte
Der Hund möchte etwas (hin, hin, hin!) und wird ständig gebremst, ohne Alternativstrategie. Frust ist einer der größten Stressmotoren.
3) Falsche Regeneration
Viele Hunde „liegen rum“, sind aber nicht wirklich entspannt. Sie sind wachsam, scannen, reagieren schnell – und verarbeiten dadurch wenig.
4) Menschliche Anspannung
Hunde sind extrem gut darin, Spannung zu lesen. Wenn du innerlich auf 180 bist, kann sich das auf den Hund übertragen – ohne dass du „was falsch machst“. Co-Regulation ist ein echter Hebel.

Quick-Check: Ist mein Hund eher unterfordert oder übererregt?
Unterforderung zeigt sich oft so:
Hund sucht sich selbst Beschäftigung (zerstören, klauen, bellen aus Langeweile)
steigert sich in „Aufgaben“, wirkt fokussierbar, wird bei sinnvoller Arbeit ruhiger
kann grundsätzlich gut schlafen/abschalten
Übererregung zeigt sich oft so:
Hund kommt schwer zur Ruhe, auch nach „viel Programm“
ist schnell frustriert, kippt leicht in Lautstärke/Hecheln/Zappeln
reagiert draußen stark, wirkt „dünnhäutig“
schläft unruhig, ist schnell wieder „an“
Wenn du beim zweiten Block nickst: Dann ist das Ziel nicht „müde machen“, sondern regulieren.
Stellschraube 1: Alltag entstressen (ohne dein Leben umzukrempeln)
Erregungsspitzen zählen (10-Minuten-Aufgabe)
Schreib dir einen Tag lang auf:
Was fährt meinen Hund hoch? (positiv/negativ)
Wie oft passiert das?
Wann ist der Hund am unruhigsten?
Du brauchst kein perfektes Protokoll. Du brauchst Muster. Und die sind meistens schnell sichtbar.
Erregungspuffer einbauen
Nach einem Trigger (z. B. Begegnung) 2–3 Minuten „Runterfahr-Zeit“ einplanen (Schnüffeln lassen, ruhig stehen, kleine Futtersuche)
Übergänge langsamer machen (Heimkommen, Leine an/aus, ins Auto)
Reizärmer statt länger
Oft hilft nicht „mehr laufen“, sondern:
weniger Orte, dafür besser gewählt
gleiche Runde, damit das Nervensystem nicht ständig neu bewertet
mehr Schnüffelzeit, weniger Strecke
Stellschraube 2: Fütterung & Sättigung – unterschätzt, aber wichtig
Unruhe kann auch durch Hunger, fehlendes Sättigungsgefühl oder „Futterstress“ entstehen (z. B. wenn der Hund gelernt hat, dass Futter = Aufregung).
Praktische, ruhige Optionen:
Teil des Futters als Futtersuche (drinnen oder im Garten)
Schlecken (Schleckmatte) – nur, wenn der Hund dabei ruhig bleibt
Kauen (passend dosiert) als „Runterfahr-Aktivität“
Futter auf mehrere Mini-Portionen verteilen, wenn das dem Hund hilft
Wenn du den Verdacht hast, dass Hunger/Timing eine Rolle spielt: Lieber einmal gezielt testen (über 7–10 Tage), statt weiter „am Verhalten rumzudoktern“.
Stellschraube 3: Auslastung, die wirklich runterreguliert (statt hochzudrehen)
1) Nasenarbeit: Die beste „ruhige“ Auslastung
Nasenarbeit ist für viele Hunde der Goldstandard, weil sie:
sehr hundgerecht ist
mental fordert, ohne zwangsläufig in Hektik zu kippen
oft zu zufriedener, ruhiger Müdigkeit führt
Einstieg (super alltagstauglich):
Leckerli streuen (Wohnung, Garten)
Handtuch/Decke einrollen, Leckerli rein
Leckerli in Rinde/Gras „verstecken“ (leicht!)
kurze Mini-Spuren (2–5 Meter) mit weichem Start
Wichtig: Ruhig starten. Lieber kurz und entspannt als lang und hektisch.
2) Kopftraining ohne Frust
Tricktraining kann großartig sein – aber bei frustsensiblen Hunden muss es extrem kleinschrittig sein.
Regel: Viele schnelle Erfolge, minimale Wartezeit, sofortige Klarheit.
Sehr gute Alternative: Freies Formen
Du legst z. B. eine Kiste hin und belohnst jede sinnvolle Interaktion. Kein Druck, kein „Rate mal, was ich will“. Das kann erstaunlich beruhigend sein.
3) „Nichts tun“ ist Training
Ja, wirklich.
Setz dich draußen hin (ruhiger Ort, lange Leine), und lass den Hund einfach wahrnehmen: schnüffeln, schauen, sich sortieren. Das ist Verarbeitung. Das ist Nervensystem-Pflege.

Ruhetraining: Was hilft – und was häufig falsch läuft
Ruhe kann man nicht erzwingen
„Auf die Decke schicken“ kann hilfreich sein – wenn es dem Hund dabei wirklich besser geht. Wenn der Hund aber innerlich kocht, steigt die Spannung und entlädt sich später.
Ziel: echte Entspannung, nicht „funktionieren“
Anzeichen echter Entspannung:
weicher Körper, lockere Atmung
Augen werden schwer, Blinzeln
Hund löst sich von der Umgebung
kann Geräusche wahrnehmen, ohne hochzuschnellen
Wenn dein Hund „liegt“, aber ständig scannt, schnell reagiert oder hechelt: Dann ist das eher Management als Entspannung – und wir müssen vorher das System runterfahren.
Der Fahrplan: So gehst du strukturiert vor (ohne 20 Baustellen)
Basics checken
Schmerz/Unwohlsein abklären, wenn Verhalten neu oder deutlich schlimmer ist.
Peaks reduzieren
Trigger sammeln, Erregungsspitzen entschärfen, Übergänge langsamer.
Auslastung tauschen statt addieren
Weniger Kick-Action, mehr Nasenarbeit, ruhige Qualität.
Regeneration aktiv fördern
Schlecken/Kauen/Suchen, ruhige Sitzpausen, verlässliche Ruheorte.
Nach 10–14 Tagen Bilanz ziehen
Was wurde besser? Was triggert noch? Dann gezielt nachschärfen.
FAQ: Häufige Fragen zu „Hund kommt nicht zur Ruhe“
Wie lange dauert es, bis mein Hund besser runterkommt?
Oft siehst du kleine Effekte in 1–2 Wochen (weniger Peaks, schnelleres Runterfahren). Nachhaltige Veränderung braucht meist mehrere Wochen, weil Stresssysteme Zeit zur Umstellung brauchen.
Muss ich Action komplett streichen?
Nein. Aber du solltest bewusst dosieren. Bei übererregten Hunden ist „weniger, dafür gezielt“ fast immer effektiver.
Was ist die beste Beschäftigung für einen hibbeligen Hund?
Für viele: Nasenarbeit in ruhiger Form (Suche, Mini-Spuren, einfache Trails), plus ein Alltag mit weniger Reiz-Overload.
Mein Hund schläft viel, ist aber trotzdem aufgedreht. Wie kann das sein?
Schlaf ist nicht gleich Regeneration. Manche Hunde „liegen“, sind aber innerlich wachsam. Ziel ist echte Entspannung, nicht nur „liegen“.
Mini-Zusammenfassung (für die, die es schnell wollen)
Wenn dein Hund nicht zur Ruhe kommt, ist „mehr Auslastung“ oft nicht die Lösung. Häufig ist das Nervensystem überreizt. Hilfreich sind:
weniger Erregungsspitzen im Alltag
bessere Übergänge und mehr Verarbeitung
Nasenarbeit statt Action-Kicks
ruhiges Kopftraining ohne Frust
echte Regeneration (Schlecken/Kauen/Suchen, ruhige Pausen)
In unserem Podcast Abenteuer Hund haben wir uns drei ganze Folgen intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Zum Podcast kommst du du hier:




Kommentare