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Scheinträchtigkeit bei Hündinnen: Was passiert da wirklich – und was hilft evidenzbasiert?

  • Autorenbild: Caro
    Caro
  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Scheinträchtigkeit (auch: Scheinmutterschaft, Pseudogravidität, Pseudocyesis) ist bei Hündinnen keine „Einbildung“, sondern ein biologisch erklärbares Geschehen: Der Körper verhält sich hormonell so, als wäre eine Trächtigkeit möglich – unabhängig davon, ob die Hündin gedeckt wurde oder nicht. Das kann von „ein bisschen Nestbau“ bis zu deutlichen körperlichen Beschwerden und massivem Stress reichen.


Dieser Artikel erklärt dir fundiert:

  • welche hormonellen Mechanismen dahinterstecken,

  • welche Symptome typisch sind (körperlich und Verhalten),

  • wie du echte Trächtigkeit und Erkrankungen abgrenzt,

  • was du zuhause sinnvoll tun kannst,

  • wann Medikamente angezeigt sind (und welche Nebenwirkungen wichtig sind),

  • wie du Rückfällen vorbeugst – inklusive Kastrations-Timing.

schwarze Hündin liegt neben Welpe

1) Was ist Scheinträchtigkeit?

Unter Scheinträchtigkeit versteht man ein Bündel aus körperlichen und/oder verhaltensbezogenen Veränderungen, das typischerweise in der späten Phase nach der Läufigkeit auftritt (später Diöstrus/metöstrische Phase). Häufige Merkmale:


  • Anschwellen der Milchleisten, Milchbildung

  • Nestbau, „Mutterverhalten“

  • Hüten von Spielzeug/Objekten („Pseudowelpen“)

  • Unruhe, Anhänglichkeit oder Rückzug

  • manchmal auch Reizbarkeit oder Aggression


Wichtig: Scheinträchtigkeit ist bei der Hündin grundsätzlich ein häufiges Phänomen, weil der Zyklus hormonell lange so verläuft, als könnte eine Trächtigkeit bestehen. 




2) Die Biologie dahinter: Progesteron, Prolaktin & „hormonell schwanger“


2.1 Der Schlüsselmechanismus

Nach der Läufigkeit bildet die Hündin ein Corpus luteum (Gelbkörper), das Progesteron produziert – und zwar auch dann, wenn sie nicht tragend ist. Gegen Ende des Diöstrus fällt Progesteron ab; parallel spielt Prolaktin eine zentrale Rolle, das mit Milchdrüsenaktivität und mütterlichem Verhalten verbunden ist. Diese Konstellation wird als Haupttreiber der Scheinträchtigkeit beschrieben. 



2.2 Warum kann das nach Kastration „plötzlich“ passieren?

Wird im lutealen Zeitraum (also wenn Progesteron über den Gelbkörper hoch ist) operiert, kann der abrupte Progesteronabfall Scheinträchtigkeit auslösen oder verstärken. Das ist ein Grund, warum das Timing so wichtig ist. 




3) Typische Symptome: körperlich vs. Verhalten

3.1 Körperliche Symptome

  • Milchleisten-Schwellung, teils warm, empfindlich

  • Milchbildung (Laktation) – von Tropfen bis deutlich

  • Gewichtszunahme, veränderter Appetit

  • gelegentlich Erbrechen/Durchfall (unspezifisch)

  • erhöhte Körpertemperatur ist nicht typisch und eher ein Warnsignal


3.2 Verhaltenssymptome

  • Nestbau, „Höhle“ bauen, Decken schleppen

  • Bewachen/Tragen von Spielzeug, Socken, Kissen

  • Unruhe, Winseln, Schlafstörungen

  • starke Anhänglichkeit oder Rückzug

  • Reizbarkeit bis Aggression (v. a. wenn „Welpen“ verteidigt werden)


In einer großen epidemiologischen Studie wurde beschrieben, dass Ausprägung und Kombination der Symptome stark variieren und vermutlich unterschätzt werden. 




4) Abgrenzung: Was ist noch Scheinträchtigkeit – und was muss abgeklärt werden?

Scheinträchtigkeit ist eine Diagnose, die klinisch oft gut passt – aber es gibt wichtige „Look-alikes“:


Unbedingt tierärztlich abklären, wenn:


  • Fieber, deutliche Mattigkeit, starker Durst

  • schmerzhaftes, heißes Gesäuge, harte Knoten, Sekretveränderungen

  • übel riechender Ausfluss

  • massiver Bauchumfang, der „nicht plausibel“ ist

  • Symptome > 3–4 Wochen stark bleiben oder wieder eskalieren


Warum so strikt? Weil du u. a. Mastitis (Gesäugeentzündung) oder gebärmutterbezogene Probleme nicht übersehen willst.




5) Was hilft wirklich? Evidenzbasierte Maßnahmen zuhause

Die meisten Fälle sind mild bis moderat und lassen sich durch Management deutlich verbessern. Ziel ist: Prolaktin-Trigger reduzieren, milchfördernde Reize vermeiden, Stress senken.


5.1 „Pseudowelpen“ konsequent entfernen

Alles, was bemuttert, getragen oder bewacht wird, wegnehmen (Spielzeug, Stofftiere, Kissen, Deckenknäuel). Das ist nicht gemein, sondern therapeutisch sinnvoll, weil es mütterliches Verhalten aufrechterhält. (Klingt banal, wirkt aber oft überraschend gut.) 


5.2 Keine Stimulation der Milchleisten

  • Nicht ausstreichen, nicht „kontrollieren“ durch Drücken, nicht massieren.

  • Hintergrund: Jede Stimulation kann die Milchbildung ankurbeln (Laktationsreflex). Das wird in tiermedizinischen Übersichten explizit empfohlen. 


5.3 Kühlen statt „rumdoktern“

Kühle Umschläge können subjektiv entlasten (kurz, angenehm, ohne Druck). Bei Schmerzen oder starker Wärme bitte abklären lassen.


5.4 Aktivität & Gehirnarbeit hochfahren (aber sinnvoll)

Prolaktin und Stress hängen über mehrere Achsen zusammen; die Praxis zeigt: Struktur + Auslastung hilft vielen Hündinnen.

  • ruhige Nasenarbeit, Suchspiele

  • Trainingssessions kurz, klar, belohnungsbasiert

  • Spaziergänge mit Fokus (Schnüffeln, kleine Aufgaben), nicht nur „Kilometer“



5.5 Fütterung: vorsichtig und individuell

Einige Tierärzt:innen empfehlen bei ausgeprägter Milchbildung eine moderate Reduktion von Energie/Futter (kein radikales Fasten), um den „Versorgungsmodus“ nicht zu unterstützen. Das ist kein Allheilmittel, aber manchmal ein Baustein. Bitte immer abhängig von Körperzustand, Rasse, Vorerkrankungen.




6) Medikamente: Wann ist es sinnvoll – und was sagt die Datenlage?

Wenn Management nicht reicht, die Hündin leidet oder die Milchbildung/Verhaltensprobleme deutlich sind, kommen Medikamente ins Spiel. Hier ist Prolaktin der zentrale Hebel.


6.1 Cabergolin (Dopamin-Agonist) – der Klassiker

Cabergolin hemmt Prolaktin. In veterinärmedizinischen Standardwerken wird es als prolaktinhemmende Option beschrieben; es gilt als zugelassenes Mittel zur Prolaktinhemmung beim Hund (je nach Land/Präparat) und wird in Dosierungen wie 5 µg/kg p.o. einmal täglich für mehrere Tage genannt. 


Auch klinische Studien berichten über gute Wirksamkeit bei unterschiedlichen Formen der Scheinträchtigkeit (inkl. verhaltensbezogener Ausprägungen). 


Typische Nebenwirkungen (können, müssen nicht):


  • Erbrechen, Appetitveränderung, Müdigkeit

  • selten Kreislauf-/Verhaltensauffälligkeiten


Das gehört in tierärztliche Hand: Dosierung, Dauer, Kontraindikationen, Wechselwirkungen.



6.2 Bromocriptin / Metergolin (je nach Region/Verfügbarkeit)

In Übersichten werden auch andere prolaktinhemmende oder prolaktinmodulierende Substanzen diskutiert (z. B. Metergolin). Die Praxisrelevanz hängt stark von Zulassung, Verträglichkeit und tierärztlicher Erfahrung ab. 



6.3 Sedativa/„Beruhigungsmittel“: Vorsicht mit Phenothiazinen

Ein wichtiger Punkt, der in tiermedizinischen Quellen ausdrücklich genannt wird: Phenothiazine (z. B. Acepromazin) sind bei Bedarf an Sedierung nicht ideal, weil sie Prolaktin stimulieren können – also theoretisch gegen das Behandlungsziel arbeiten. 




7) Kastration: Die langfristigste Prävention – aber Timing entscheidet

Wenn eine Hündin wiederholt oder sehr stark scheinträchtig wird und keine Zucht geplant ist, ist Kastration die dauerhaft wirksamste Präventionsstrategie. Gleichzeitig ist sie kein „Akut-Medikament“ und kann zum falschen Zeitpunkt Symptome verstärken.



7.1 Warum Timing so wichtig ist

Wenn im lutealen Zeitraum operiert wird, kann der abrupte Progesteronabfall Scheinträchtigkeit triggern. Daher: Kastrationszeitpunkt mit Tierärzt:in planen (häufig wird ein hormonell „ruhigerer“ Zeitpunkt bevorzugt). 



7.2 Mythos „Kastration löst alles“

Langfristig oft ja, kurzfristig nicht immer. Bei manchen Hündinnen ist zuerst medizinisches/managementbasiertes „Runterfahren“ sinnvoll, bevor operiert wird.




8) Praxis-Plan: Was du konkret tun kannst (Checkliste)


Schritt 1: Einschätzen

  • Wann war die letzte Läufigkeit (Ende)?

  • Welche Symptome: Milch ja/nein? Nestbau ja/nein? Aggression/Stress?

  • Dauer bisher?



Schritt 2: Management 7–10 Tage konsequent

  • Spielzeug/Objekte entfernen, die bemuttert werden

  • keine Milchleistenstimulation

  • strukturierte Auslastung (Nase + kurze Trainingsaufgaben)

  • Ruheinseln, Alltag klar und planbar



Schritt 3: Tierärztliche Abklärung, wenn…

  • Schmerzen/Wärme/Knoten im Gesäuge

  • Fieber/Mattigkeit

  • starke Verhaltensprobleme

  • keine Besserung nach 7–10 Tagen oder deutliche Milchbildung



Schritt 4: Mit Tierärzt:in über Prolaktinhemmung sprechen

  • Cabergolin ist häufig die erste Wahl (je nach Fall/Verfügbarkeit). 



Schritt 5: Prävention planen

  • Wenn wiederkehrend: Kastrationsberatung inkl. Timing. 





9) Häufige Fragen aus dem Alltag


„Soll ich die Milch rausdrücken, damit es weggeht?“

Nein. Das kann die Milchproduktion weiter anregen. 



„Ist Scheinträchtigkeit gefährlich?“

Oft nicht – aber sie kann belastend sein und Komplikationen (z. B. Mastitis) begünstigen, wenn das Gesäuge stark betroffen ist. Warnsignale sind Schmerz, Hitze, Fieber, starke Allgemeinsymptome.



„Wie lange dauert das?“

Viele Verläufe klingen innerhalb von 1–3 Wochen deutlich ab. Stark ausgeprägte Fälle können länger dauern und brauchen häufiger Unterstützung. (Die Datenlage zeigt: Dauer und Ausprägung variieren stark.) 




10) Fazit: Das Wichtigste in einem Satz

Scheinträchtigkeit ist hormonbiologisch gut erklärbar; konsequentes Management hilft vielen Hündinnen, und bei stärkerer Ausprägung ist prolaktinhemmende Therapie (z. B. Cabergolin) evidenzbasiert eine sehr wirksame Option – während das Kastrations-Timing über langfristigen Erfolg mitentscheidet.

Wann solltest du mit einer scheinträchtigen Hündin unbedingt zum Tierarzt?

Bitte nicht abwarten, sondern zeitnah tierärztlich abklären lassen, wenn eines oder mehrere der folgenden Anzeichen auftreten:


Körperliche Warnsignale

  • deutlich schmerzhaftes, stark geschwollenes oder sehr warmes Gesäuge

  • harte Knoten, Verfärbungen oder Sekretveränderungen aus den Milchleisten

  • Milch mit Blut, Eiter oder unangenehmem Geruch

  • Fieber, starke Mattigkeit oder reduzierte Belastbarkeit

  • vermehrter Durst, Apathie oder allgemeines Krankheitsgefühl



Verhaltensbezogene Warnsignale

  • ausgeprägte Aggression gegenüber Menschen oder anderen Hunden

  • starkes Bewachen von Gegenständen mit Beiß- oder Drohverhalten

  • massive Unruhe, Schlaflosigkeit oder Stressanzeichen, die sich nicht regulieren lassen

  • deutlicher Rückzug oder „nicht wiedererkennbare“ Verhaltensveränderungen



Zeitfaktor

  • Symptome halten länger als 3–4 Wochen an

  • die Beschwerden nehmen zu, statt langsam abzuklingen

  • die Hündin hatte bereits mehrfach starke Scheinträchtigkeiten


Scheinträchtigkeit ist oft harmlos – Schmerzen, Fieber oder deutlicher Leidensdruck sind es nicht. In diesen Fällen ist eine tierärztliche Abklärung wichtig, um Komplikationen wie Gesäugeentzündungen oder andere hormonelle Folgeprobleme frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln.

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